
Günther Uecker, Entwürfe für die "Lichtbogen" des Schweriner Doms, aufgenommen in Ueckers Atelier in Düsseldorf, November 2023
Zum möglichen politischen Wandel in Mecklenburg-Vorpommern
Das Günther Uecker Institut | Institut für Umwelt und Gestaltung (GUI | IUG) in Schwerin ist eine unabhängige Kultureinrichtung in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins. Es trägt den Namen eines Akteurs, dessen Werk und Denken bis heute Orientierung geben. Günther Uecker war ein zutiefst humanistisch denkender Künstler und darin radikal. Sein künstlerisches Schaffen war geprägt von der Überzeugung, dass Kunst gesellschaftliche Verantwortung trägt. Seine Arbeiten setzen sich mit Erinnerung und Versöhnung, Gewalt und Frieden, Verletzlichkeit und der Würde des Menschen auseinander. Für unser Institut ist dies weit mehr als ein Erbe, auf das sich verweisen lässt. Es bildet den Maßstab unseres Selbstverständnisses.
Als Doppelinstitut verbindet das GUI | IUG zwei Arbeitsfelder. Das Günther Uecker Institut fördert und publiziert kunst- und kulturwissenschaftliche Forschung ausgehend vom Werk unseres Namensgebers mit dem Schwerpunkt Deutsche Nachkriegsavantgarde. Das Institut für Umwelt und Gestaltung ist international ausgerichtet und versteht künstlerische Forschung als eigenständige Form der Wissensproduktion. Wir initiieren interdisziplinäre Projekte, die deutsch-deutsche Erfahrungen, gesellschaftlichen Wandel und gegenwärtige Fragestellungen im Dialog zwischen Kunst, Wissenschaft und Öffentlichkeit untersuchen und auf weltweite gegenwärtige Phänomene übertragbar machen. Beide Bereiche verbindet die Überzeugung, dass künstlerische, kulturelle und wissenschaftliche Arbeit gesellschaftliche Prozesse sichtbar machen und mitgestalten kann und muss.
Unsere Arbeit konnte bislang als eingetragener Verein besonders frei agieren. Wir sind organisch gewachsen und haben uns Schritt für Schritt entwickeln können. Unsere Struktur, deren Kernaufgabe in der Förderung junger Wissenschaftler*innen und Künstler*innen liegt, ermöglicht den Freiraum, der für Forschung und Kunst unverzichtbar ist. Zugleich hat sie uns erlaubt, mit unseren begrenzten Mitteln und externen Förderungen eine extrem agile und verlässliche Institution aufzubauen, die sich von Schwerin ausgehend international orientiert und auch ungewohnte Perspektiven mit ungewöhnlichen Kooperationspartner*innen erproben kann – deutschlandweit und über Landesgrenzen hinaus.
Mögliche Szenarien eines Wandels in der politischen Landschaft in Mecklenburg-Vorpommern stellen uns vor neue Fragen. Kunst und Kultur sind öffentliche Felder, weil sie Sichtbarkeit erzeugen. Sie bringen Erfahrungen, Konflikte und Perspektiven ein und prägen, wie eine Gesellschaft sich selbst versteht. Es ist ein begehrliches Feld und die deutsch-deutsche Geschichte zeigt exemplarisch, wie schnell sich Dynamiken verändern. Kunst und Kultur sind umkämpft und daher anfällig für politische Einflussnahme durch Abwertung dessen, was sich vorgegebenen Erzählungen entzieht. Wie gelingt es also in der heutigen Zeit, eine unabhängige wissenschaftliche und künstlerische Institution langfristig mit öffentlichen Geldern abzusichern, wenn zeitgleich die eigenen Inhalte zunehmend in den Fokus der Politik geraten? Wenn sich die Notwendigkeit staatlicher Unterstützung und die unbedingte Forderung nach einem freien Handlungsrahmen überkreuzen?
Natürlich könnte eine Institution vorsichtiger formulieren, Themen vermeiden oder Fragen auslassen, die Widerspruch hervorrufen. Eine solche Anpassung würde jedoch den Kern unserer Arbeit auflösen. Zeitgenössische Kunst und Kunsttheorie darf keine Angst vor dem noch Unbekannten haben – weder vor dessen Inhalten noch vor vielfältigen Urheber*innenschaften. Kunst entsteht durch Begegnung, Verschiebung, Übersetzung, Grenzüberschreitung und Veränderung. Sie lebt von Verflechtung und Reibung.
Wir setzen unsere Arbeit also mit derselben Konsequenz fort, aus der heraus dieses Institut entstanden ist. Wir fördern Forscher*innen und Künstler*innen, die Perspektiven miteinander in Beziehung bringen, gerade auch die kontroversen und unbequemen. Wir unterstützen Positionen, die öffentliche Diskurse kritisch beobachten und mitprägen. Wir verstehen das nicht als Störung, sondern als integralen Bestandteil einer demokratischen Öffentlichkeit. Die Verantwortung gegenüber dem Namen Günther Ueckers bedeutet für uns, Kunst als eine Form des wilden Denkens zu verstehen, die die Menschen in ihrer Würde ernst nimmt und die Widersprüche der Gegenwart sichtbar macht.